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Thema aktuell:

Kann Geld wirklich so dumm machen?

Es ist erschreckend, festzustellen, dass sich in den letzten drei Jahren absolut nichts verändert hat – die Banker, die Investmentbanken machen so weiter, als ob nichts gewesen wäre. Sind wir zu dumm, um diesen gierigen, kranken Geschöpfen Einhalt zu gebieten?

Der folgende Artikel – erschienen Ende 2008 in der FASZ - belegt, dass man noch so viel schreiben, reden, warnen kann … es hilft nichts und wird wohl erst besser, wenn sehr viele von uns Vermögen verloren haben bzw. wenn Staaten (mit den Steuergeldern der „Normalbürger“ und der Zukunft unserer Kinder) für diese Spieler haften müssen.

Sind wir alle wirklich so dumm, wie die Untertanen in der Fabel „Kleider machen Leute“, in der das Volk das Nacktsein auch als alternativlos betrachten musste?

Der Autor Wolfgang Marx  ist Professor für Allgemeine Psychologie an der Universität Zürich.

 Das Geld anderer Leute

Etwas Markt muss sein, aber wie viel? Um das zu bestimmen, braucht man Ziele jenseits des Marktes. Denn er ist nur ein Werkzeug.

Als der brave SPD-Parteisoldat Franz Müntefering die Hedge­Fonds mit einem Heuschreckenschwarm verglich, war diese Anspielung auf biblische Plagen eine gezielte Provokation, die ihre Wirkung nicht verfehlte. Es ging ein Raunen durch den Blätterwald - und damals wusste man noch bei weitem nicht, was man inzwischen hat zur Kenntnis nehmen müssen. Heute drängen sich andere Vergleiche auf, um gewisse Praktiken des Investmentbankings ins Bild zu setzen. Trefflicher als die Rede von den Heuschrecken wäre die von Parasiten, die Rede von Wanzen beispielsweise. Die befallen im Schutze der Dunkelheit den schlafenden Körper und verschwinden wieder in ihre Ritzen, wenn der Morgen graut.
Solche Geschäfte heißen in der Welt der Investmentbanker "Leerverkäufe". Sie werden getätigt, wenn die Aktienkurse über einen längeren Zeitraum hinweg fallen. Dann beginnt der kluge Banker nicht etwa Aktien zu verkaufen, o nein, er beginnt sich Aktien zu leihen, um diese dann zu verkaufen. Nun ist das wider die Natur des Leihens, geborgte Dinge weiter zu verscherbeln, im Aktienrecht aber ist so etwas erlaubt. Wenn dann die Kurse ein gutes Stück gefallen sind, kauft man die Aktien wieder zurück, jetzt für weniger Geld, als man beim Verkauf erhalten hat. Wichtig dabei ist auszusteigen, bevor die Kurse wieder zu steigen beginnen. Auf diese Weise hat man sich einen Teil des von der Wirtschaft erarbeiteten Geldes abgezweigt, ohne selber einen Beitrag dazu geleistet zu haben. Wenn sich jemand auf vergleichbare Weise aus dem Stromnetz oder einer Ölpipeline bedienen würde, würde man wohl von Diebstahl sprechen; aber auch der Blutkreislauf und der Kreislauf des Geldes sind ja nicht einfach da und zur freien Verfügung von jedermann, der sich daraus bedienen möchte.
Leerverkäufe blieben dennoch lange Zeit unbehelligt und sind selbst jetzt nur teilweise eingeschränkt worden. Es ist also kein Wunder, dass solche Geschäfte immer zahlreicher und größer geworden sind; und die Mittel, die für solche Transaktionen eingesetzt werden können, sind so gewaltig, dass der notwendige Kursrückgang schon dadurch eingeleitet werden kann, dass die geliehenen Aktienpakete auf den Markt geworfen wer­den. Notfalls helfen auch ein paar gezielte Gerüchte; und wenn die Lawine erst einmal rollt, ist sie kaum aufzuhalten. Die Installation einer solchen Geldabsaug-Maschine schädigt nicht nur die betroffenen Firmen und ihre Aktionäre, sondern auch große Teile der Bevölkerung, deren Pensionskassengelder immer zu einem Teil auch in Aktien investiert werden.

Nun gibt es aber nicht nur diese Art von Geschäften, bei denen ein Akteur von außen attackiert und sich nach einiger Zeit mit der Beute wieder zurückzieht, es gibt auch Geschäfte, die tatsächlich der Wirtschaftstätigkeit dienen, Kredite beispielsweise, die der öffentlichen Hand, Wirtschaftsunternehmen und auch Privaten gegeben werden, um Investitionen aller Art zu finanzieren. Das sollte eigentlich das Geschäft des Investmentbankings sein. Es versteht sich, dass das Bereitstellen von Geld nicht zum Nulltarif geleistet werden kann, dass also die Finanzierer einen angemessenen Teil von dem von einer Volkswirtschaft erarbeiteten Gewinn abschöpfen dürfen; aber was ist da angemessen?
Wenn man bedenkt, dass die Volkswirtschaften des Westens in den letzten Jahren kaum über ein Wachstum von drei Prozent hinausgekommen sind, in manchen Jahren war es deutlich weniger, dann mutet es befremdlich an, wenn der Chef einer großen deutschen Bank ein Renditeziel von 20 bis 25 Prozent formuliert. Noch befremdlicher aber ist, dass diese Ankündigung in der Öffentlichkeit so gelassen hingenommen wurde, ja, dass es sogar vereinzelt Lob gab für so kühne Visionen. Haben die Menschen im Lande nicht begriffen, dass das eine Kampfansage an sie alle war? Denn das bedeutet, dass für alle anderen sehr viel weniger übrig bleiben kann, wenn die Banker ein so überproportional großes Stück aus dem Kuchen für sich herausschneiden wollen. Der Sekundärsektor des Finanzierens kann sich schließlich nur aus den Gewinnen des Primärsektors des Produzierens bedienen.
Wir kommen zum Thema Größenwahn. Man darf davon ausgehen, dass sich die Herren der Wall Street und der City of London keineswegs nur ironisch zu "Masters of the Universe" erklärt und das , Wort „unmöglich" aus ihrem Wortschatz gestrichen haben. Das Verrückte daran ist, dass sie den Leuten das tatsächlich verkaufen konnten. Wenn ein Bauer  verkündet, er habe vor, fortan von seinem Acker fünfmal pro Jahr zu ernten, wenn ein Ingenieur erzählt, er habe das Perpetuum mobile gebaut, dann fasst sich jeder nur mitleidig an den Kopf, wenn aber ein Banker ein Finanzprodukt anbietet, das vorgibt, genau das zu sein, sind alle begeistert.
Nun kennen wir diese Geschichte schon aus den Hausmärchen der Gebrüder Grimm: Kein menschliches Wesen kann aus Stroh Gold spinnen; und eine derart unmögliche Vorgabe zwingt dazu, sich auf schwarze Magie einzulassen. Der magische Trick der neuen Rumpelstilzchen ist genial, man benötigt nicht einmal Stroh als Grundstoff, man spinnt sich das Geld direkt aus der Luft. Die Vorzüge des Windgeldes gleichen denen der Windhühner des Herrn Günter Grass: weil es nur in den Büchern steht, weil jede Menge davon problemlos in ein Safe aus Zugluft passt, weil es zahllos ist und sich beständig vermehrt. Und so kreist es in unvorstellbaren Mengen um den Globus. Es gibt Schätzungen, dass mittlerweile allenfalls noch fünf Prozent des um die Welt vagabundierenden Kapitals der realen Wirtschaftstätigkeit dienen, der Rest dient der Spekulation und kann sich scheinbar grenzenlos vermehren, so weit die Zahlen reichen - und die reichen weit.
So etwas fällt nicht groß auf, wenn immer nur wenig dieses Windgeldes eingesetzt wird, um Villen oder Luxusjachten zu finanzieren. Wenn sich aber plötzlich eine größere Menge davon auf materiellen Gütern niederlassen will, kommt es zu einer Situation wie beim Gesellschaftsspiel „Reise nach Jerusalem": Es fehlt dann freilich nicht nur einer, es fehlt eine Menge von Stühlen. Man nennt das Inflation. Das heißt, dass es viel mehr Geld gibt als Sachen, die man dafür kaufen könnte. In einer solchen Situation erweist sich das Windgeld als das, was es immer schon war, als heiße Luft, und es entschwindet in die Kälte des Weltraums. Alle reiben sich die Augen und räsonieren, wie es nur so weit hat kommen können, kehren die Scherben zusammen und fangen unverdrossen, unbelehrt und unbelehrbar wieder von vorne an - bis zur nächsten Blase.
Muss das immer so weitergehen? Wir kommen zum Thema: „Was will der Markt?" Die Marktfundamentalisten beschreiben den Markt nach Art einer eifersüchtigen und zornigen Gottheit, die keine Eingriffe in die von ihr gewollte Ordnung duldet und solche, wenn sie dennoch erfolgen, mit schlimmen Konsequenzen ahndet. Die Botschaft lautet: Unterwerft euch ohne Wenn und Aber den Gesetzen des Marktes, lasst alles zu, was geschehen will, zweifelt niemals, glaubt, dann wird alles gut.
Solchem Markt-Mystizismus ist zu widersprechen; denn der Markt will nichts, er kann gar nichts wollen, ist er doch, wie beispielsweise ein schlichter Hammer, kein Akteur, sondern ein Werkzeug, mit dessen Hilfe in diesem Falle keine Nägel eingeschlagen, sondern wirtschaftliche Prozesse optimiert werden können. Diese Prozesse sind komplex und werden von zahlreichen, oft nur kleinen und schwer wahrnehmbaren Faktoren beeinflusst, die gelegentlich unkalkulierbare Konsequenzen nach sich ziehen. Unmöglich, das alles zu überschauen und quasi „von Hand" zu steuern. Der real existierende Sozialismus ist genau an diesem Versuch kläglich gescheitert. Den Markt abzuschaffen, das hieße, Nägel mit bloßen Fäusten einschlagen zu wollen. Da kann man sich nur blutige Hände holen.
Etwas Markt muss sein, aber wie viel? Das festzulegen setzt Ziele voraus, die selber jenseits des Marktes liegen. Hier unterscheidet sich der Markt nicht von jedem anderen Werkzeug. Ein Hammer kann ja nicht nur dazu benutzt werden, Nägel in Wände zu treiben, man kann ihn auch dazu brauchen, Schädel einzuschlagen. Es ist nun keineswegs wider die Natur des Hammers, Letzteres zu verbieten und unter Strafe zu stellen. Nicht alles was mit einem Werkzeug gemacht werden kann, muss auch gemacht werden. Man beleidigt also nicht den Geist des Marktes, wenn man parasitäre Geschäfte unterbindet, Handel und Wandel könnten sehr gut auch ohne einen aufgeblähten Überbau spekulativer Windgeschäfte funktionieren. Auch würde die Welt keineswegs aus den Fugen geraten, in Anarchie, Seuchen, Viehsterben und Naturkatastrophen versinken, wenn die quasifeudalen Privilegien der Topmanager beschnitten würden. Der Markt „verlangt keine überrissenen Saläre"; und es ist kein Sakrileg, dergleichen in Frage zu stellen, gar generell zu diskutieren, was angemessen und fair sein könnte und wofür wir den Markt gebrauchen wollen.
Es bleibt zu hoffen, dass diese notwendige Klärungsprozess nicht gleich wieder von der Agenda gestrichen wird, sobald sich die derzeitigen Turbulenzen auch nur ein wenig beruhigt haben und ofenfrisches Windgeld die nächste Blase zu blähen beginnt. Geht dieses Lärmen erst einmal wieder los, kann sich die Stimme der Vernunft für lange Zeit kein Gehör mehr verschaffen - vermutlich nicht vor dem nächsten Desaster.